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Dennis Wilke

Studium der Soziologie und Kulturanthropologie
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21. Januar 2013 Dennis Wilke

Dennis Gespräch

20. Juli 2012 Dennis Wilke

Erwartungen. Aneignung.

Wie denkst du, wird die Begegnung verlaufen? Hast du Angst? Welche Erwartungen hast du an das Gespräch? Wie stellst du es dir vor? Was, wenn es gar nicht läuft? Vielleicht muss jemand weinen? Vielleicht ist es nach kurzer Zeit wieder vorbei?…

Ich hatte Angst. Angst davor, dass es nicht zu einem Gespräch kommen, dass wir schweigen und uns von der Fremdheit einnehmen lassen würden. Angst, dass die Situation und die Geschichte des Menschen, dem ich begegnen würde, mich zu sehr treffen könnten. Angst, dass sie mich überhaupt nicht treffen würden. Angst auch vor der Kamera, vor Inszenierung. Ich versuchte, diesen Ängsten mit Akzeptanz zu begegnen, sie zuzulassen und dadurch erst eine Auseinandersetzung mit ihnen zu ermöglichen. Ich war aufgeregt. Es war vollkommen okay.

Ich hatte einen Wunsch. Einen Wunsch, der natürlich auch eine Folge der beschriebenen Angst war: ein Gespräch. Ich wünschte mir, dass wir ein Gespräch führen würden. Dass wir es schaffen würden, keine der Asymmetrien, – des Alters, der momentanen Lebenssituation, der Erfahrung und des Wissens – die zwischen uns bestanden, und auch nicht die Fremdheit, zu einer Einschränkung unserer Begegnung werden zu lassen, sondern zu positiven Mitteln für einen Austausch. Kein Interview.

Doch der vielleicht schwierigste Gedanke im Voraus war mein Anliegen, der Person in erster Linie als Mensch zu begegnen, nicht als Sterbender. Selbstverständlich würde unsere Begegnung einen offensichtlichen thematischen Hintergrund haben, selbstverständlich würde ich vieles über den Umgang mit einer Krankheit und mit den Gedanken an das Sterben wissen wollen, über das Leben mit dem Tod, und selbstverständlich würden wir uns an einem Ort unterhalten, an dem die Vergänglichkeit Gegenwart hat. Doch wie traurig wäre es gewesen, wenn sich unsere Bezugspunkte darin erschöpfen würden? Bist du gereist in deinem Leben? Was isst du gerne? Was macht dich glücklich? Es war der Wunsch, einem Menschen das Wissen zu geben, dass er jetzt gerade, in diesen Minuten, in denen wir uns unterhalten, lebt.

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2. Juli 2012 Dennis Wilke

Ich erinnere mich.

Raum und Zeit trennen mich von meinem Gespräch mit einer schwerkranken Patientin und ihrem Ehemann am Uniklinikum am 11.Juni. Der messbare Raum zwischen Frankfurt und Düsseldorf, eine Luftlinie von ca. 183 Kilometern, und die messbare Zeit, 3 Wochen, das sind 21 Tage oder 504 Stunden. Was nicht messbar ist, ist die Bedeutung, die ich dieser Begegnung beimesse, die Präsenz, die sie sich in meinen Gedanken  bewahrt und der Platz, den sie in meinem Gedächtnis eingenommen hat. Dies ist nur fühlbar, nur zu umschreiben, dafür gibt es – zum Glück – keinen festen, in mathematischen Kategorien ausdrückbaren Wert, könnte es auch nicht, da sich dieser in stetiger Bewegung befinden, mal steigen, mal fallen würde.

Gedanklich begleitet mich unsere Begegnung jeden Tag, doch gibt es selbstverständlich auch Stunden, in denen ich gar nicht daran denke, und diese verflechten sich mit Zeiten, in denen das Wissen darum eine Art Hintergrund in meinem Alltag bildet – gleich einem Musikstück, das man abspielen lässt, während man mit anderen Dingen beschäftigt ist – sowie mit intensiven Momenten, in denen ich zurückdenke, die Begegnung gleich einem Film vor meinem inneren Auge Revue passieren lasse und deutlich spüre, was sie in mir hinterlassen hat, oder besser gesagt: was sie immer noch hinterlässt. Was bei dieser Verflechtung entsteht, ist Erinnerung.

Erinnerung ist nicht lückenloses Wissen der Vergangenheit. Erinnerung ist das gedankliche Ordnen ebendieser, Vergessen und zeitweises Nicht-Denken also unabdingbare Teile davon. Ihr Verhältnis gleicht tatsächlich dem von Leben und Tod, sie ergänzen sich, sind undenkbar ohne ihr Gegenüber. Wir brauchen das Vergessen wie den Tod. Welchen Wert hätte es, sich an jede einzelne Sekunde der Vergangenheit erinnern zu können? Auch an jene, denen wir keine große Bedeutung beigemessen haben? Was wäre „Bedeutung“ überhaupt in dieser unaufhörlich wachsenden Flut von Bildern und Gedanken? Wäre es nicht eine erdrückende Last, alles, wirklich alles in Erinnerung rufen zu können, gleich einem sich selbst in jeder Sekunde weiterschreibendem und dadurch unaufhaltsam dicker werdenden Buch, das wir mit uns herumtragen müssten?

Ich weiß nicht mehr, was in jeder einzelnen Sekunde unserer Unterhaltung passiert ist. Das braucht es nicht, denn was wirklich Wert hat, ist, sagen zu können: ich erinnere mich an meine Begegnung mit einem „sterbenden“, in ihrem Sinne lieber: schwerkranken Menschen und einem Angehörigen. Diese Erinnerung oder eher ihre einzelnen Fragmente erfahren dadurch wirkliche, dem Wort gerecht werdende Bedeutung, dass ich ihr Zeit lasse, dass ich gelegentlich in Distanz trete, dass ich auch – vergesse.

Mein Dank gilt den beiden Menschen, denen ich begegnet bin.

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20. Juni 2012 Dennis Wilke

Denkbar – dankbar.

 „Wie langweilig und schal es sein müßte zu wissen: Es spielt keine Rolle, was heute passiert, in diesem Monat, diesem Jahr: Es kommen noch unendlich viele Tage, Monate, Jahre. Unendlich viele, buchstäblich. Würde, wenn es so wäre, noch irgend etwas zählen? Wir bräuchten nicht mehr mit der Zeit zu rechnen, könnten nichts verpassen, müßten uns nicht beeilen. Es wäre gleichgültig, ob wir etwas heute tun oder morgen, vollkommen gleichgültig. Millionenfache Versäumnisse würden vor der Ewigkeit zu einem Nichts, und es hätte keinen Sinn, etwas zu bedauern, denn es bliebe immer Zeit, es nachzuholen.“

- Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon (2006)

Letztendlich wissen wir nicht, wie unser je einzelnes Dasein und das Dasein der Menschheit als Gesamtheit aussehen würden, wenn es den Tod nicht gäbe. Die Vorstellung mag zunächst leicht fallen: wir würden eben nicht sterben, bräuchten den (natürlichen?) Tod nicht fürchten. An diesem Punkt jedoch wird es für unsere Vorstellungskraft bereits schwierig, sich tiefer in das Bild hineinzudenken:

Wie könnten wir uns noch erinnern, wenn wir unendlich lange leben würden? Wären schöne Gedanken etwa an unsere Kindheit oder Jugend nicht dazu verdammt, unter der Flut immer neuer – oder, sage und schreibe: unendlicher Eindrücke vergessen zu werden? Was könnten wir unseren Nachfahren, wenn wir schon älter wären, – ganz abgesehen davon, dass es auch dies nicht mehr gäbe: Jugend und Alter – von unserem Leben erzählen, wenn wir irgendwann gar nicht mehr wüssten, was wir alles erlebt und welche Entscheidungen wir in unserem Leben getroffen haben? Wirkliches Erleben oder Entscheiden – gäbe es das überhaupt noch? Könnten wir für unser Leben ein Ziel formulieren, Chancen ergreifen und ergäbe es noch Sinn, von manchen Dingen einfach nur zu träumen? Hätten wir noch eine Idee davon, was es heißt, einen Verlust hinzunehmen? Wie würde mit schwerkranken oder verunglückten Personen umgegangen werden, angesichts einer sonstigen Undenkbarkeit des Todes? Und wie würde sich die Menschheit angesichts der Endlichkeit ihrer Umwelt organisieren?

Natürlich lassen sich all diese Fragen nur mit einem impliziten Denkfehler stellen, würde doch die Organisation und Konzeption unseres Lebens wahrscheinlich grundlegend anders aussehen, gäbe es den Tod nicht, was zahlreiche Fragen bzw. deren Kategorien sinnlos bis unmöglich machen würde. Darum soll und kann es nun aber erstens nicht gehen, zweitens zeigt sich an den aufgekommenen und zitierten Fragen doch, wie schwer es fällt, unsere Existenz als unbegrenzt zu denken.

Eines jedoch ist – in der einzigen uns möglichen Perspektive verbleibend – denkbar: Es scheint vorprogrammiert, was in einer solchen hypothetischen Realität unbegrenzten Daseins (wie vielleicht auch in der früher beschriebenen gedanklichen Negation des Todes durch Verdrängung oder Verharmlosung) passieren müsste: indem das große Negative unseres Daseins, der Tod, verschwände, könnte das große Positive nicht mehr als solches existieren bzw. erkannt oder gedacht werden: das Leben. Wenn überhaupt noch als solches greifbar, würde es durch den Verlust seiner Grenzen zu etwas vollkommen Neutralem, zu einem Vakuum. Sicherlich wären wir noch in der Lage, einzelne Momente der Erfüllung, des Genusses oder des Erfolges zu erfahren, doch dürfte die Erfahrung dieser Dinge als etwas Positives wesentlich unbedeutender, kürzer, leerer sein, da es den übergreifenden positiven Wert unseres Lebens nicht mehr gäbe, in den sie eingebettet sind. Zudem wären sie aus jedem zeitlichen Zusammenhang herausgerissen, denn Zeitlichkeit müsste im Angesicht der Unendlichkeit als etwas völlig Beliebiges erscheinen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: niemand verbringt sein Leben damit, ununterbrochen an den Tod zu denken und niemand könnte daraus Erfüllung ziehen. Es geht vielmehr darum, ihm einen Platz einzuräumen, sich gedanklich seinem Wert für unser Dasein anzunähern, ihn denkbar zu machen. Und mit ihm: das Leben.

„Es ist der Tod, der dem Augenblick seine Schönheit gibt und seinen Schrecken.“

- ebd.


 

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10. Juni 2012 Dennis Wilke

“…warum auch, man lebt ja.”

Als sehr eindringliches Erlebnis bleibt uns allen unsere Gesprächsrunde mit dem Ehemann einer Patientin auf der Palliativstation der Uniklinik Düsseldorf in Erinnerung. In seiner Schilderung ihres gemeinsamen Lebens angesichts des nahenden Sterbens seiner Frau äußerte er einen kurzen, eigentlich unscheinbaren Satz, der mir jedoch sofort auffiel:

„… warum auch, man lebt ja.“

… sagte er, als er davon erzählte, in welchem Maße sie beide sich vor der einschneidenden Diagnose gedanklich mit dem Lebensende befasst hatten: so gut wie gar nicht, „… warum auch, man lebt ja.“ Was macht diese wenigen Worte mit dem so beiläufigen Klang so interessant? In ihnen findet die vorherrschende, ganz normale Logik der Trennung von Leben und Tod Ausdruck. Wir leben, wir sind, im Hier und Jetzt. Warum also – gerade als 30 junge Menschen – sich mit der Tatsache der Endlichkeit des Lebens auseinandersetzen, da man doch mitten darin steht, sich von ihm umgeben sieht?

In dieser Denkweise gibt es das Leben als das Positive schlechthin auf der einen und den Tod, da er ebendieses Positive begrenzt und beendet, als das deshalb Schreckliche auf der anderen Seite, wo er im Ergebnis dieser Konstruktion als etwas Undenkbares erscheint, das keinen Platz in ersterem verdient, das gedanklich verdrängt, wenn nicht gar negiert werden soll. Eine Art Teufelskreis wird in dieser Perspektive eröffnet: Weil der Tod schrecklich erscheint, denkt man ihn nicht, woraufhin er noch schrecklicher erscheint, woraufhin…

Es geht mir nicht darum, den Tod banalisieren zu wollen. Dies wäre die zweite Betrachtungsweise, die der ersten (Tod als etwas Undenkbares) genau gegenüber steht. Obgleich scheinbare Gegensätze, basieren sie auf der gleichen Prämisse, nämlich den Tod aufgrund seiner Schrecklichkeit nicht denken zu können. Im ersten Fall verdrängt man ihn daher, im zweiten Fall spricht man ihm daher den Schrecken ab, den er jedoch ohne Zweifel für uns Menschen hat. Der zweite Fall wird dem Tod als Tatsache des Lebens nicht gerecht: dieser zerreißt, er trennt, er nimmt uns Möglichkeiten, er lässt uns weinen und leiden – er ist, obgleich etwas Normales, nichts Banales. Der erste Fall bewegt sich nicht nur in den dargelegten Teufelskreis, sondern endet auch in einer Paradoxie, denn wie lässt sich das Leben als das Wertvolle schlechthin denken, wenn es den verdrängten Tod gar nicht mehr zu geben scheint?

Daraus ergibt sich der Wert der dritten Perspektive und auch eine Antwort auf die Frage, „… warum auch, man lebt ja.“: Erst wenn wir das Lebensende als Tatsache in seinem ganzen, und d.h. auch: in seinem schmerzhaften Wesen zumindest in gewissem Maße in unser Leben zu integrieren wagen, indem wir uns ihm gedanklich annähern, können wir seiner Bedeutung für unser Leben gerecht werden und – ohne pathetisch klingen zu wollen – den Wert unseres Seins erkennen.

30 junge Menschen setzen sich mit dem Sterben und dem Tod auseinander. Menschen, so mag man denken,  die mitten im Leben stehen, gar erst an dessen Anfang. „Warum denn, ihr lebt doch?!“, könnte man daher in Anlehnung an die Ausgangssituation fragen. Weil wir nicht nur 30 junge Menschen sind, sondern auch 30 junge Menschen, die selbst einmal mit ihrer eigenen Endlichkeit oder der nahestehender Personen konfrontiert sein werden. Weil es dazu beitragen kann, Themen, denen viel zu oft Unaussprechlichkeit auferlegt wird, zur Sprache zu bringen und damit Bewältigung auf persönlicher wie auf kommunikativer Ebene zu erleichtern. Weil es, auch über das Thema Sterben und Tod hinaus, für problematische Tatsachen unseres Seins sensibilisieren kann. Weil es Zwischenmenschlichkeit stiften kann. Weil wir – leben.

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