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Stella Wagner

Studentin
20

23. November 2012 Stella Wagner

Stellas Gespräch

13. August 2012 Stella Wagner

EIN SINN UND EINE BOTSCHAFT NAMENS HUMOR

Das Gespräch ist vorüber, ich sitze an einem kleinen Tisch im Wohnzimmer des Hospiz und vor mir stehen kleine Schokopralinen.
Ich beobachte die Pralinen, eine ist cremeweiß eine zartbitterbraun, bis Frau Schröer, unsere Begleiterin wieder an meinen Tisch kommt.
Sie erzählt, dass sie noch kurz mit dem Sterbenden Herr über unser Interview gesprochen hat und dann erzählt sie mir von der Botschaft des Patienten.

Im ersten Moment, fühle ich mich schlecht, da ich den Sterbenden nicht danach gefragt habe, aber dann verspüre ich das Bedürfnis ihn noch einmal danach zu Fragen, seine Botschaft zu hören und sie weiter zu tragen.
Als alle Mitglieder des Teams sich verabschieden, nehme ich die Pralinenschale von dem Tisch und begebe mich zu dem kleinen Raucherraum. Ich klopfe an und der Herr, mit dem ich vor ein paar Minuten über den Prozess des Sterbens gesprochen habe, bittet mich herein.
Es ist eine sehr besondere Stimmung, die Luft riecht nach Rauch und ist dicht, doch eine gewisse Schwerelosigkeit mischt sich unter.
Ich gebe dem Herren die Pralinen und er ist erfreut über die Kalorienbomben, wie er sie nennt.
Er ist erschöpft von dem langen Gespräch aber er scheint zufrieden.
Wir spaßen etwas über die Schokolade und dann muss ich ihn einfach noch einmal fragen.
Ich erzähle, dass mir Frau Schröer von seiner Botschaft erzählt hat und gestehe ihm, dass ich völlig vergessen habe im Interview danach zu fragen.
Und er wiederholt sie für mich, für uns.
,, Weist du meine Botschaft ist einfach, der Humor stirbt zuletzt ”
Was trägt diese Botschaft mit sich welche Kraft besitzt sie? Ich grüble in den nächsten Tagen und Wochen viel darüber nach, aber sobald ich die Botschaft zu theoretisch betrachte, verheddere ich mich nur in philosophischen Definitionen.
Ich muss die Botschaft also mit dem Leben verknüpfen, mit dem Spaß den wir haben, den Witzen die wir machen, der Komik die auftaucht.
Humor ist Lebendigkeit, eine Lösung von der Verkrampfung. Ich denke er hilft Distanz zu finden, er ermöglicht ein Gleichgewicht zwischen Trauer und Lebenslust.

Und warum sollen wir die Lebenslust im Prozess des Sterbens verlieren? ist es nicht die Kraft welche diese Schwerelosigkeit in den kleinen Raucherraum führte, die Situation ertragbar machte, sowie diese wunderbare Komik von Schokopralinen, Kalorienbomben, Zigaretten und das Gespräch über das Sterben.

Wenn ich zurück blicke, dann merke ich das der Sinn für Humor in unserem Gespräch mitgewirkt hat, wir sprachen viel über die schwingenden: ,,Jona-Singers”, den Gospelchor des Herrn und über die gelbe Zeichentrickfigur Tweety. Wir mussten lachen und schweigen und ernst sein, aber der Humor war zu spüren und er half uns das Gespräch weiter zu führen.

Im Moment glaube ich, das eine Kommunikation am Lebensende ohne Humor nicht lebendig ist und das sie, wenn der Humor stirbt, auch erlischt.

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8. Juli 2012 Stella Wagner

_der Tausendfüßler

Plötzlich fällt er mir auf, er tappt nicht oder stampft,
er springt nicht oder stolpert herum, aber er ist in Bewegung.
Das erste was mir einfällt, als ich ihn sichte, ist wirklich nur Bewegung.
Mit seinen unzähligen Füßen, die sich irgendwie alle auf einmal bewegen, wuselt er über das Kopfsteinpflaster.
Er ist in heller Aufruhr, er ertastet jedes Detail des Steines, jede Krümmung, Kante, Rundung, aber er findet keinen Ausweg.
Er ist umzingelt von lauter Schuhen.
Doch dann läuft er auf die Reihe von Schuhpaaren zu, ich hoffe nur inständig, dass jetzt keiner dieser unzähligen Füße einen großen Tapser macht und ihn dann begräbt.
Die Füße stehen still, aber der Tausendfüßler hört nicht auf lebendig zu sein, sich einen Ausweg zu suchen.
Während dessen entdeckt er jetzt vor sich, anscheinend in Sichtweite, einen Schuh, welcher ihm bestimmt riesig erscheint, zumindest dreht er um und geht wieder zurück, dann versucht er es auf eine andere Weise, aber wieder ein Schuh und wieder dreht er um.
Die Bewegung bleibt, kein Verharren, aber ein Hindernis, lauter Hindernisse um ihn herum, die ihn einkreisen, die er nicht überwinden kann.

Er bewegt sich weiter, mitten in dem Schuhkreis, bis jetzt hat ihn noch kein Schuh zertrampelt, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es gleich passiert, ist ziemlich wahrscheinlich, denn kein Besitzer der Schuhe hat ihn bemerkt.
Ob er sich darüber bewusst ist, wie nahe er dem Tod ist und warum ist er trotzdem so lebendig? wie lange er wohl schon lebt? ein Tag? eine Woche? wie lange wird er noch leben? keine Ahnung….

Er wird das große Hindernis überwinden müssen, aber was wird bei dem überschreiten dieser Schwelle passieren?

wird es_schmerzhaft?_beängstigend?_erfüllend?

 

 

_Warum erzähle ich dir von einem Tausendfüßler?

_Was hat dies mit der Sache zu tun?

Es ist an einem Tag, des Workshopwochenendes, wir stehen alle um das Krankenbett einer schwerkranken Frau, die dem Tod sehr nahe ist.
Wir versammeln uns alle um sie, wir nehmen uns an den Händen und schließen einen Kreis um sie.
Wir schweigen und begleiten sie für einen Moment.
Und in dieser Schweigeminute, fällt mir der Tausendfüßler auf, in dem Moment wo sich scheinbar alle Bewegung entschleunigt, ist er voller Lebendigkeit, sucht nach einem Ausweg, aus unserem Kreis heraus, aber unsere Füße bewegen sich nicht, da jeder andächtig still steht.
Aber weshalb höre ich nicht einfach auf den Tausendfüßler zu beobachten, warum besinne ich mich nicht nur auf meine Gedanken?
Ich denke er trägt eine Botschaft mit sich…
Welche Botschaft ist das wohl? Ich denke jeder, der ihn in diesem Moment betrachtet, findet eine ganz eigene Botschaft.

 

 

_eine Botschaft

Ich denke, der Tausendfüßler trägt eine Botschaft mit sich, in seiner unerschöpften Bewegung und kämpferischen Lebendigkeit.
Sein ständiges Scheitern zeigt uns wie wenig Macht wir haben, wie wenig gegenüber unserem Leben, unserem Tod.
Es wird immer ein Hindernis hier auf Erden geben, welches uns zurück weist, uns scheitern lässt.
Aber trotzdem hören wir nicht auf zu versuchen alle Hindernisse zu überwinden, wir werden immer wieder kämpfen und dadurch Neue Wege schaffen.

Es ist vielleicht eine Botschaft, dass wir nicht das Leben beherrschen, aber für das Leben kämpfen dürfen, dass wir unfassbar lebendig sind, immer wieder Hindernisse überwinden müssen, um einen Ausweg in die Freiheit zu finden und immer an eine Schwelle kommen werden, wo wir keine Macht über das Leben im Hier und Jetzt besitzen.

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