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Denise Bradl

Schülerin
18 Jahre

16. November 2012 Denise Bradl

Denises Gespräch

 ”Du hast mir schon Fragen gestellt, 
über Gott und über die Welt
und meist konnt ich dir Antwort geben.
Doch jetzt bringst du mich aus dem Lot
mit deiner Frage nach dem Tod…”
Reinhard Mey

 Du kannst dich in deine eigene Einstellung hinein fressen.
Du kannst dich in Sicherheit wiegen und glauben in deiner Mitte zu stehen.
Du kannst annehmen, vom Ungewissen nicht völlig überrascht zu werden.
Du kannst denken, du bist immer bereit.

Und dann?

Dann kommen Sätze aus dem Kindermund, die dich berühren. Die deine eigenen Fragen noch mal selbst aufwerfen, die dich vor Antworten stellen, die dir selbst nicht genügen, ja…die dich einfach sprachlos machen.

Es ist 21 Uhr. Seit einer halben Stunde übe ich mich in Geduld, während ich am Bett meiner Schwester wache und darauf warte, dass sie in einen ruhigen Schlaf verfällt. “Lass mich nicht allein”, lautet der Auftrag, den ich zu erfüllen gedenke. Ihre Unruhe fällt mir zwar auf, doch ahne ich nicht, dass sie aus dem kleinen Kopf kommt, in dem Gedanken wirbeln, an die ich gerade nun mal nicht denke. Nicht, wenn ich mit diesem kleinen erfüllten Wesen zusammen bin.

Dann bricht sie das Schweigen, ihre Gedanken sprudeln hervor.

“Müssen Kinder auch sterben?”

Ich bin überrascht. Schweige erst, sage dann: “Wie kommst du drauf?”

- “Naja, weil der Opa auch schon im Himmel ist… und ich will noch nicht.”

“Wenn du zumindest immer schön auf dich auf passt, dann musst du auch noch nicht.” …zumindest glaube ich das. Was sagt man auf sowas?

- “Und wenn die Oma stirbt…können wir dann für sie beten?”

“Ja, das kannst du. Und sie sieht im Himmel dann den Opa wieder. Und wir sehen irgendwann auch alle wieder, wenn wir in den Himmel kommen!”

- “Können wir nicht schon mal rauf klettern und kurz gucken?”

“Du meinst heimlich rein schauen? Ich glaube nicht, dass das schon geht!”

- “Hm…und wie sieht Gott aus?”

“Wie stellst du ihn dir denn vor?”

- “Hm…”

“Manche sagen, er hat einen Bart und sieht aus wie ein alter Mann in einem weißen Kleid!”

- “Ja? Na…ich glaub, da frag ich lieber mal die Mama!”

Sie lächelt, ich schließlich auch. Dann ein müdes: “Ich hab dich lieb!”, sie dreht sich um und schläft ein. Taucht ab in ihre eigene kleine Traumwelt, in der wir kurz in den Himmel steigen und den Opa besuchen können.

 

“Halb 11 und du kannst wieder mal nicht schlafen!
Zu groß sind die Gedanken für deinen kleinen Kopf.
Verirren sich, wie Schiffe ohne Hafen
im Ozean der Stille, wo nur dein Herz noch klopft.

 

Du weißt, dass der Mond am Himmel steht
die Erde sich um die Sonne dreht.
Und allen Sternen,
wurde ihre Bahn gegeben.
Wer immer sich all das ausgedacht,
er wird es behüten Tag und Nacht.
Und auch sein größtes Wunderwerk…
Dein kleines Leben
Rolf Zuckowski

 

 

wurde ihre Bahn gegeben.

p

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21. Juni 2012 Denise Bradl

Auf ein Hallo folgt der Tiefsinn…?

Ich spüre meine nassen Hände, während ich hier auf diesem Stuhl sitze und mich auf das Gespräch vorbereite. Denke darüber nach, warum ich hier bin und vorallem: Was ich hier überhaupt möchte. Denke über Pläne in meinem Kopf nach und bleibe schließlich dabei: Planlos.
Über den Tod werde ich nun also gleich sprechen. Über den Tod.

Man erklärt mir, auf wen ich stoßen werde. Es ist eine Frau. Informationen über ihren Krankheitsverlauf, über andere äußerliche Details. Ich bereite mich im Kopf weiterhin darauf vor und doch denke ich eigentlich…nichts.

Eine neue Situation? Nein. Ein Praktikum im Hospiz hat mich die Wochen vorher schon immer wieder mit dem Tod konfrontiert, aber doch habe ich nie mit einem der Gäste über den Tod gesprochen. Eher übers Essen. Letztendlich wagte ich es dann doch und steige mit der naiven Einstellung, ich würde sicher auf jemanden treffen, der weiß, WAS Hospiz bedeutet, WARUM er hier ist, in den Zug.

Es ist eine Frau. Ein Zeichen, ich stehe auf und bewege mich in Richtung Zimmer. Ein Klopfen meinerseits, ein freundlich gerufenes “Herein” auf der anderen Seite. Die Tür auf, die Wand vor mir und um die Ecke dann doch etwas Ungewisses, aber…da ist Gelassenheit in mir. Wieder denke ich an die Tage zuvor in meinem Praktikum, mein Unbehagen in manch Zimmer und die Erkenntnis, dass ich das was kommt, einfach nehmen muss, selbst wenn es nur der Blick um eine Ecke ist.

Hinter der Ecke ist heute Leben.

Wir begrüßen uns lächelnd. Das Gespräch beginnt und: Mir wird die Zeit bewusst. Im Kopf vor riesigen Zeigern stehend, erkenne ich mich im dröhnenden Tick Tack der Uhr vor dem Problem, die Frau vor mir nicht richtig kennen lernen zu können, da da noch Vertrauen fehlt?
Die Dame ist spontan eingesprungen. Sie wurde vor ein paar Stunden erst gefragt, ob sie teilnehmen möchte an diesem Projekt. Ich weiß nicht, über was sie sprechen möchte, ich weiß nicht, ob sie bereit ist, mir die Fragen zu beantworten, die ich habe…oder auch nicht habe.

Wir reden über ihren Tagesablauf im Hospiz.

Wir reden über ihre Bilder an der Wand.

Wir reden über Operationen.

Wir reden über ihr Zuhause…

…und dann darüber, dass sie dort wieder hin möchte und sich sicher ist, dort hin gehen zu können.

Aufschlag – Frontal – Wand.

Kurze Zeit stockt mir der Atem. Mir geht vieles durch den Kopf. Mir geht das Projekt durch den Kopf. Mir geht mein Vorhaben meine Einstellung zum Tod zu verändern durch den Kopf. Und dann ist alles weg.

“Was, wenn nicht?”

Drei Wörter die nun wohl das Thema einleiten sollen. Sie lächelt. Ein anderes Lächeln. Dann höre ich etwas von der eigenen Entscheidung, wann man aus dem Leben scheiden möchte. Entweder nach Hause oder Selbstkontrolle über den Zeitpunkt des Todes, aber wohl nach Hause. Lächeln. Hier, zum Aufpäppeln.
Ein anderes Lächeln. Als käme eine Alternative nicht infrage.

Ich entscheide mich. Ich entscheide mich für mich, an dieser Stelle, das Gespräch in eine Richtung zu bewegen, weg von dem Punkt, an dem ich mich als Missionar fühlen würde und einen mir völlig fremden Menschen nach der Einstellung zu etwas, was für sie noch nicht nah genug ist, fragen müsste.

Da, in ihren Augen ist Hoffnung. 

Wir reden noch eine Weile. Durch aus über manch bewegendes Thema, aber ich habe die Grenze für mich schon gezogen. Ich möchte nicht das Mädchen sein, das jemandem da draußen die kleine Welt ins Wanken bringt. Das ist nicht meine Aufgabe. Und dann verabschiede ich mich. Gehe nach draußen wie in Trance, weiß nicht, ob ich etwas richtig oder falsch gemacht habe – aber ich, ich bin zufrieden.

Danach – Reflektieren.

Ob mehr Potenzial in diesem Gespräch lag?
Bestimmt, aber in diesem Moment empfand ich großen Respekt vor den Gedanken und Hoffnungen eines Fremden und gebe mich nun lieber damit zufrieden, vielleicht positiv dieser Frau in Erinnerung zu bleiben und sie nicht grübelnd zu hinterlassen.

Letztendlich wurde mir in diesem Raum bewusst, dass mir nicht einmal zwei Stunden gereicht hätten, um ein Vertrauen aufzubauen, dass in dieser Situation das direkte Reden über den Tod für mich hätten möglich gemacht. Ich weiß nicht, ob dieses Gespräch dem Sinn des Projektes entspricht, aber ich für mich nehme ich doch etwas mit hinaus, was mir nun schon eine Art leichten Frieden bei dem Gedanken an den Tod gibt.

Eine Einstellung, die im letzten halben Jahr wuchs und sich als Grundeinstellung schon etwas manifestiert fühlt.

Nie, nie möchte ich, wenn es Zeit geworden ist, mich auf den Weg ins Ungewisse zu machen, mich selbst belügen und mir selbst im Wege stehen. Ich möchte bewusst die Koffer packen.
Und dann…ja dann weiß ich, dass das nicht weh tun wird, was mich in diesem Prozess erwartet. Das weiß ich, für mich. Warum sollte die Erde so etwas großartiges wie den Menschen erschaffen, um ihn dann in den Abgrund zu schicken?

All dies, lässt mich sagen: Es ist okay, dass ich Sterben muss. Aber jetzt: Jetzt lebe ich! Ich lebe hier und jetzt und vor dem Hintergrund meiner Endlichkeit lasse ich es ordentlich krachen und wenn ich gehen muss? Dann möchte ich einverstanden sein.

 

“Und ehe noch ein neuer Morgen anbricht
Hab’ ich mich Neuem zugewandt
Vielleicht dankbar und voller Zuversicht
Vielleicht müde und ausgebrannt
Als sucht’ ich in jedem Aufbruch, als sucht’ ich im Weitergeh’n
Ein Ziel, das ich nie fand
Vielleicht ist es meine Art von Freiheit, schon bereitzusteh’n
Einen Koffer in jeder Hand
Nun, vielleicht heißt wirklich Freisein immerfort bereitzusteh’n
– Einen Koffer in jeder Hand”
Reinhard Mey

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12. Juni 2012 Denise Bradl

Weltensprung

Ich stelle mir vor, wie der Moment ist, in dem ich Sterbe.



Der Moment, indem mein Körper an Spannung verliert, sich jedes meiner Glieder entspannt und ich los lasse. Die Sekunde, in der mein Gefühl verrinnt und ich nicht mehr ich bin.
Wie wird mein Körper, wie werde ich aussehen? Bin ich entstellt durch eine Krankheit?
Ich überlege mir,  was in meinem Kopf passiert. Was ich sehe, ob ich verlösche, ob ich…verpuffe und im Nichts versinke. Ich frage mich, ob es weh tut.

Das frage ich mich lange und umso mehr ich drüber nachdenke, umso mehr glaube ich, dass das was kommt nicht schmerzhaft sein kann. Ich habe das Gefühl, dass die Natur uns selbst vor dem Sterben schützt, dass das Einschlafen nicht grausam ist.

Eine Art Männchen, das in dem entscheidenden Moment durch unseren Kopf saust, stolpert und meine Aufmerksamkeit auf sich zieht.  Kopfkino, das mich nicht mitbekommen lässt, was mit mir passiert. Skuril, aber…ich denke, der Mensch ist nicht geschaffen, um am Wegesende in einen Abgrund zu fallen und den Aufschlag zu spüren.

Heute sah ich eine Frau, bei der ich das Gefühl hatte, sie läge entspannt in ihrer Welt. Der Körper noch hier, im Sterben vertieft – aber schmerzfrei. Mit irgendetwas beschäftigt. Etwas, was sie hinter ihren geschlossenen Augenlidern sieht, was ihr Entspannung gibt.
Wie gern wüsste ich, wo sie sich im Kopf aufhielt, in welcher Welt sie wandelte. Doch sie redete nicht mehr, still behütend, ihr Geheimnis, aber am Ende vermutlich mit diesem erleichternden kleinen Lächeln im Gesicht, das vielleicht sagt:
“So schlimm war es gar nicht”, “Jetzt gehts mir gut” oder “Man, hat es das Männchen beim Stolpern hart erwischt!”

Ob ich vom Sterben oder vom Tod Angst habe? Allmählich beginne ich, über beides für mich eine Meinung zu bilden.  ”Angst” rutscht in den Hintergrund.  Angst will ich nicht vor etwas Natürlichen haben. Dafür vertraue ich der Natur zu sehr.

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8. Juni 2012 Denise Bradl

Schritt für Schritt

Schreiben…Löschen…Schreiben…Löschen.

Keine wirklichen Gedanken – und doch fordern sie, in ihrer Existenz trotzdem bestätigt zu werden, in dem ich sie nieder schreibe.

Schreiben….Löschen…Schreiben…Löschen.

Die Beschäftigung mit dem Tod wühlt auf. Wenn ich eure Blogeinträge lese, merke ich, dass es euch wohl genauso geht, frage ich mich, ob das überhaupt einer von uns erwartet hatte, als er die Bewerbung ausfüllte.

Denken…Verdrängen…Denken…Zulassen.

Mein Magen fühlt sich schwer an, schaue ich auf den Montag, der der Tag meines Gespräches sein wird. Kann ich überhaupt richtig dafür bereit sein?
Dabei spreche ich nur von einem Gespräch. Einem Gespräch, bei dem nicht ich die bin, die dem Ungewissen schon direkt gegenüber steht.

Ein fremder Mensch, der mich kurzzeitig mit nimmt. Mit nimmt, in seine Welt. Mich mit vor das Ungewisse stellt und doch kann ich mich noch verstecken.

Denken…Zulassen…Denken…Wand.

Gedanken konnte ich meist immer nur bis zu einem bestimmten Punkt zu lassen, dann war ich ja doch immer zu schnell dabei, sie wieder weg zu schieben. Die Intensität des vergangenen Wochenendes zeigt sich für mich darin, dass ich meinem Unbewussten stärker gegenüber trete.

“Hallo Gedanke! Komm ruhig näher, ich denk dich durch!”

Eine Parole, die ich wild durch meinen Kopf schicke. Doch immer noch sind da Barrieren, Wände. Ich könnte mir vorstellen, dass ich freier im Kopf wäre, wenn ich eine feste Einstellung zu dem Thema Tod bekäme, ja, wenn ich den Tod jetzt schon vollständig akzeptieren würde.

Wie einfach es sich doch schreibt.

Dieses Projekt bringt mich fast täglich ein Stück weiter zu genau dieser gedanklichen Freiheit. Mehr und mehr fühle ich mich in meiner Mitte, weil ich sie mir erkämpfen muss. Dieses Thema wirft einen nun mal durchgehend aus der Bahn.

Ich bleibe gespannt auf das was kommt.

 ”Begierig zu sehen, in welches Meer der Strom mündet, hast du dein Licht an beiden Seiten angezündet.”  

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