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Dennis Wilke

Studium der Soziologie und Kulturanthropologie
23

10. Juni 2012

“…warum auch, man lebt ja.”

Als sehr eindringliches Erlebnis bleibt uns allen unsere Gesprächsrunde mit dem Ehemann einer Patientin auf der Palliativstation der Uniklinik Düsseldorf in Erinnerung. In seiner Schilderung ihres gemeinsamen Lebens angesichts des nahenden Sterbens seiner Frau äußerte er einen kurzen, eigentlich unscheinbaren Satz, der mir jedoch sofort auffiel:

„… warum auch, man lebt ja.“

… sagte er, als er davon erzählte, in welchem Maße sie beide sich vor der einschneidenden Diagnose gedanklich mit dem Lebensende befasst hatten: so gut wie gar nicht, „… warum auch, man lebt ja.“ Was macht diese wenigen Worte mit dem so beiläufigen Klang so interessant? In ihnen findet die vorherrschende, ganz normale Logik der Trennung von Leben und Tod Ausdruck. Wir leben, wir sind, im Hier und Jetzt. Warum also – gerade als 30 junge Menschen – sich mit der Tatsache der Endlichkeit des Lebens auseinandersetzen, da man doch mitten darin steht, sich von ihm umgeben sieht?

In dieser Denkweise gibt es das Leben als das Positive schlechthin auf der einen und den Tod, da er ebendieses Positive begrenzt und beendet, als das deshalb Schreckliche auf der anderen Seite, wo er im Ergebnis dieser Konstruktion als etwas Undenkbares erscheint, das keinen Platz in ersterem verdient, das gedanklich verdrängt, wenn nicht gar negiert werden soll. Eine Art Teufelskreis wird in dieser Perspektive eröffnet: Weil der Tod schrecklich erscheint, denkt man ihn nicht, woraufhin er noch schrecklicher erscheint, woraufhin…

Es geht mir nicht darum, den Tod banalisieren zu wollen. Dies wäre die zweite Betrachtungsweise, die der ersten (Tod als etwas Undenkbares) genau gegenüber steht. Obgleich scheinbare Gegensätze, basieren sie auf der gleichen Prämisse, nämlich den Tod aufgrund seiner Schrecklichkeit nicht denken zu können. Im ersten Fall verdrängt man ihn daher, im zweiten Fall spricht man ihm daher den Schrecken ab, den er jedoch ohne Zweifel für uns Menschen hat. Der zweite Fall wird dem Tod als Tatsache des Lebens nicht gerecht: dieser zerreißt, er trennt, er nimmt uns Möglichkeiten, er lässt uns weinen und leiden – er ist, obgleich etwas Normales, nichts Banales. Der erste Fall bewegt sich nicht nur in den dargelegten Teufelskreis, sondern endet auch in einer Paradoxie, denn wie lässt sich das Leben als das Wertvolle schlechthin denken, wenn es den verdrängten Tod gar nicht mehr zu geben scheint?

Daraus ergibt sich der Wert der dritten Perspektive und auch eine Antwort auf die Frage, „… warum auch, man lebt ja.“: Erst wenn wir das Lebensende als Tatsache in seinem ganzen, und d.h. auch: in seinem schmerzhaften Wesen zumindest in gewissem Maße in unser Leben zu integrieren wagen, indem wir uns ihm gedanklich annähern, können wir seiner Bedeutung für unser Leben gerecht werden und – ohne pathetisch klingen zu wollen – den Wert unseres Seins erkennen.

30 junge Menschen setzen sich mit dem Sterben und dem Tod auseinander. Menschen, so mag man denken,  die mitten im Leben stehen, gar erst an dessen Anfang. „Warum denn, ihr lebt doch?!“, könnte man daher in Anlehnung an die Ausgangssituation fragen. Weil wir nicht nur 30 junge Menschen sind, sondern auch 30 junge Menschen, die selbst einmal mit ihrer eigenen Endlichkeit oder der nahestehender Personen konfrontiert sein werden. Weil es dazu beitragen kann, Themen, denen viel zu oft Unaussprechlichkeit auferlegt wird, zur Sprache zu bringen und damit Bewältigung auf persönlicher wie auf kommunikativer Ebene zu erleichtern. Weil es, auch über das Thema Sterben und Tod hinaus, für problematische Tatsachen unseres Seins sensibilisieren kann. Weil es Zwischenmenschlichkeit stiften kann. Weil wir – leben.

Ein Kommentar


Wenn ich mir bewusst bin, dass mein Gegenüber mich nur eine kleine Wegstrecke im Leben begleitet, wird die Gegenwart wertvoll.

Als Angehörige eines sterbenden Menschen wollte ich wissen, wer uns in wenigen Stunden gegenüber stehen wird. Das was ich hier lesen konnte hat mich beeindruckt. Der Mut, die Offenheit und der Ausdruck der Gefühle der Teilnehmer, sowie das Projekt insgesamt
haben schon jetzt die Welt ein wenig verändert.

11. Juni 2012 22:38

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