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Dennis Wilke

Studium der Soziologie und Kulturanthropologie
23

20. Juni 2012

Denkbar – dankbar.

 „Wie langweilig und schal es sein müßte zu wissen: Es spielt keine Rolle, was heute passiert, in diesem Monat, diesem Jahr: Es kommen noch unendlich viele Tage, Monate, Jahre. Unendlich viele, buchstäblich. Würde, wenn es so wäre, noch irgend etwas zählen? Wir bräuchten nicht mehr mit der Zeit zu rechnen, könnten nichts verpassen, müßten uns nicht beeilen. Es wäre gleichgültig, ob wir etwas heute tun oder morgen, vollkommen gleichgültig. Millionenfache Versäumnisse würden vor der Ewigkeit zu einem Nichts, und es hätte keinen Sinn, etwas zu bedauern, denn es bliebe immer Zeit, es nachzuholen.“

- Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon (2006)

Letztendlich wissen wir nicht, wie unser je einzelnes Dasein und das Dasein der Menschheit als Gesamtheit aussehen würden, wenn es den Tod nicht gäbe. Die Vorstellung mag zunächst leicht fallen: wir würden eben nicht sterben, bräuchten den (natürlichen?) Tod nicht fürchten. An diesem Punkt jedoch wird es für unsere Vorstellungskraft bereits schwierig, sich tiefer in das Bild hineinzudenken:

Wie könnten wir uns noch erinnern, wenn wir unendlich lange leben würden? Wären schöne Gedanken etwa an unsere Kindheit oder Jugend nicht dazu verdammt, unter der Flut immer neuer – oder, sage und schreibe: unendlicher Eindrücke vergessen zu werden? Was könnten wir unseren Nachfahren, wenn wir schon älter wären, – ganz abgesehen davon, dass es auch dies nicht mehr gäbe: Jugend und Alter – von unserem Leben erzählen, wenn wir irgendwann gar nicht mehr wüssten, was wir alles erlebt und welche Entscheidungen wir in unserem Leben getroffen haben? Wirkliches Erleben oder Entscheiden – gäbe es das überhaupt noch? Könnten wir für unser Leben ein Ziel formulieren, Chancen ergreifen und ergäbe es noch Sinn, von manchen Dingen einfach nur zu träumen? Hätten wir noch eine Idee davon, was es heißt, einen Verlust hinzunehmen? Wie würde mit schwerkranken oder verunglückten Personen umgegangen werden, angesichts einer sonstigen Undenkbarkeit des Todes? Und wie würde sich die Menschheit angesichts der Endlichkeit ihrer Umwelt organisieren?

Natürlich lassen sich all diese Fragen nur mit einem impliziten Denkfehler stellen, würde doch die Organisation und Konzeption unseres Lebens wahrscheinlich grundlegend anders aussehen, gäbe es den Tod nicht, was zahlreiche Fragen bzw. deren Kategorien sinnlos bis unmöglich machen würde. Darum soll und kann es nun aber erstens nicht gehen, zweitens zeigt sich an den aufgekommenen und zitierten Fragen doch, wie schwer es fällt, unsere Existenz als unbegrenzt zu denken.

Eines jedoch ist – in der einzigen uns möglichen Perspektive verbleibend – denkbar: Es scheint vorprogrammiert, was in einer solchen hypothetischen Realität unbegrenzten Daseins (wie vielleicht auch in der früher beschriebenen gedanklichen Negation des Todes durch Verdrängung oder Verharmlosung) passieren müsste: indem das große Negative unseres Daseins, der Tod, verschwände, könnte das große Positive nicht mehr als solches existieren bzw. erkannt oder gedacht werden: das Leben. Wenn überhaupt noch als solches greifbar, würde es durch den Verlust seiner Grenzen zu etwas vollkommen Neutralem, zu einem Vakuum. Sicherlich wären wir noch in der Lage, einzelne Momente der Erfüllung, des Genusses oder des Erfolges zu erfahren, doch dürfte die Erfahrung dieser Dinge als etwas Positives wesentlich unbedeutender, kürzer, leerer sein, da es den übergreifenden positiven Wert unseres Lebens nicht mehr gäbe, in den sie eingebettet sind. Zudem wären sie aus jedem zeitlichen Zusammenhang herausgerissen, denn Zeitlichkeit müsste im Angesicht der Unendlichkeit als etwas völlig Beliebiges erscheinen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: niemand verbringt sein Leben damit, ununterbrochen an den Tod zu denken und niemand könnte daraus Erfüllung ziehen. Es geht vielmehr darum, ihm einen Platz einzuräumen, sich gedanklich seinem Wert für unser Dasein anzunähern, ihn denkbar zu machen. Und mit ihm: das Leben.

„Es ist der Tod, der dem Augenblick seine Schönheit gibt und seinen Schrecken.“

- ebd.


 

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