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Denise Bradl

Schülerin
18 Jahre

21. Juni 2012

Auf ein Hallo folgt der Tiefsinn…?

Ich spüre meine nassen Hände, während ich hier auf diesem Stuhl sitze und mich auf das Gespräch vorbereite. Denke darüber nach, warum ich hier bin und vorallem: Was ich hier überhaupt möchte. Denke über Pläne in meinem Kopf nach und bleibe schließlich dabei: Planlos.
Über den Tod werde ich nun also gleich sprechen. Über den Tod.

Man erklärt mir, auf wen ich stoßen werde. Es ist eine Frau. Informationen über ihren Krankheitsverlauf, über andere äußerliche Details. Ich bereite mich im Kopf weiterhin darauf vor und doch denke ich eigentlich…nichts.

Eine neue Situation? Nein. Ein Praktikum im Hospiz hat mich die Wochen vorher schon immer wieder mit dem Tod konfrontiert, aber doch habe ich nie mit einem der Gäste über den Tod gesprochen. Eher übers Essen. Letztendlich wagte ich es dann doch und steige mit der naiven Einstellung, ich würde sicher auf jemanden treffen, der weiß, WAS Hospiz bedeutet, WARUM er hier ist, in den Zug.

Es ist eine Frau. Ein Zeichen, ich stehe auf und bewege mich in Richtung Zimmer. Ein Klopfen meinerseits, ein freundlich gerufenes “Herein” auf der anderen Seite. Die Tür auf, die Wand vor mir und um die Ecke dann doch etwas Ungewisses, aber…da ist Gelassenheit in mir. Wieder denke ich an die Tage zuvor in meinem Praktikum, mein Unbehagen in manch Zimmer und die Erkenntnis, dass ich das was kommt, einfach nehmen muss, selbst wenn es nur der Blick um eine Ecke ist.

Hinter der Ecke ist heute Leben.

Wir begrüßen uns lächelnd. Das Gespräch beginnt und: Mir wird die Zeit bewusst. Im Kopf vor riesigen Zeigern stehend, erkenne ich mich im dröhnenden Tick Tack der Uhr vor dem Problem, die Frau vor mir nicht richtig kennen lernen zu können, da da noch Vertrauen fehlt?
Die Dame ist spontan eingesprungen. Sie wurde vor ein paar Stunden erst gefragt, ob sie teilnehmen möchte an diesem Projekt. Ich weiß nicht, über was sie sprechen möchte, ich weiß nicht, ob sie bereit ist, mir die Fragen zu beantworten, die ich habe…oder auch nicht habe.

Wir reden über ihren Tagesablauf im Hospiz.

Wir reden über ihre Bilder an der Wand.

Wir reden über Operationen.

Wir reden über ihr Zuhause…

…und dann darüber, dass sie dort wieder hin möchte und sich sicher ist, dort hin gehen zu können.

Aufschlag – Frontal – Wand.

Kurze Zeit stockt mir der Atem. Mir geht vieles durch den Kopf. Mir geht das Projekt durch den Kopf. Mir geht mein Vorhaben meine Einstellung zum Tod zu verändern durch den Kopf. Und dann ist alles weg.

“Was, wenn nicht?”

Drei Wörter die nun wohl das Thema einleiten sollen. Sie lächelt. Ein anderes Lächeln. Dann höre ich etwas von der eigenen Entscheidung, wann man aus dem Leben scheiden möchte. Entweder nach Hause oder Selbstkontrolle über den Zeitpunkt des Todes, aber wohl nach Hause. Lächeln. Hier, zum Aufpäppeln.
Ein anderes Lächeln. Als käme eine Alternative nicht infrage.

Ich entscheide mich. Ich entscheide mich für mich, an dieser Stelle, das Gespräch in eine Richtung zu bewegen, weg von dem Punkt, an dem ich mich als Missionar fühlen würde und einen mir völlig fremden Menschen nach der Einstellung zu etwas, was für sie noch nicht nah genug ist, fragen müsste.

Da, in ihren Augen ist Hoffnung. 

Wir reden noch eine Weile. Durch aus über manch bewegendes Thema, aber ich habe die Grenze für mich schon gezogen. Ich möchte nicht das Mädchen sein, das jemandem da draußen die kleine Welt ins Wanken bringt. Das ist nicht meine Aufgabe. Und dann verabschiede ich mich. Gehe nach draußen wie in Trance, weiß nicht, ob ich etwas richtig oder falsch gemacht habe – aber ich, ich bin zufrieden.

Danach – Reflektieren.

Ob mehr Potenzial in diesem Gespräch lag?
Bestimmt, aber in diesem Moment empfand ich großen Respekt vor den Gedanken und Hoffnungen eines Fremden und gebe mich nun lieber damit zufrieden, vielleicht positiv dieser Frau in Erinnerung zu bleiben und sie nicht grübelnd zu hinterlassen.

Letztendlich wurde mir in diesem Raum bewusst, dass mir nicht einmal zwei Stunden gereicht hätten, um ein Vertrauen aufzubauen, dass in dieser Situation das direkte Reden über den Tod für mich hätten möglich gemacht. Ich weiß nicht, ob dieses Gespräch dem Sinn des Projektes entspricht, aber ich für mich nehme ich doch etwas mit hinaus, was mir nun schon eine Art leichten Frieden bei dem Gedanken an den Tod gibt.

Eine Einstellung, die im letzten halben Jahr wuchs und sich als Grundeinstellung schon etwas manifestiert fühlt.

Nie, nie möchte ich, wenn es Zeit geworden ist, mich auf den Weg ins Ungewisse zu machen, mich selbst belügen und mir selbst im Wege stehen. Ich möchte bewusst die Koffer packen.
Und dann…ja dann weiß ich, dass das nicht weh tun wird, was mich in diesem Prozess erwartet. Das weiß ich, für mich. Warum sollte die Erde so etwas großartiges wie den Menschen erschaffen, um ihn dann in den Abgrund zu schicken?

All dies, lässt mich sagen: Es ist okay, dass ich Sterben muss. Aber jetzt: Jetzt lebe ich! Ich lebe hier und jetzt und vor dem Hintergrund meiner Endlichkeit lasse ich es ordentlich krachen und wenn ich gehen muss? Dann möchte ich einverstanden sein.

 

“Und ehe noch ein neuer Morgen anbricht
Hab’ ich mich Neuem zugewandt
Vielleicht dankbar und voller Zuversicht
Vielleicht müde und ausgebrannt
Als sucht’ ich in jedem Aufbruch, als sucht’ ich im Weitergeh’n
Ein Ziel, das ich nie fand
Vielleicht ist es meine Art von Freiheit, schon bereitzusteh’n
Einen Koffer in jeder Hand
Nun, vielleicht heißt wirklich Freisein immerfort bereitzusteh’n
– Einen Koffer in jeder Hand”
Reinhard Mey

3 Kommentare


Liebe Denise,
danke für Ihren ausführlichen und so ehrlichen Bericht! Sie haben die Situation der Frau genau erfasst und in meinen Augen völlig stimmig reagiert. Sie spricht noch immer positiv und gut gelaunt über diese Begegnung, die für Sie auch ein Abenteuer war.

22. Juni 2012 08:00

Denise, niemand erwartet von dir, das du mit diesen Menschen über das sterben sprichst..Wir alle möchten wissen wie es vor der Tür in dir aussieht bevor du hinein gehst. Wenn die Menschen die du besuchst das Leben in sich spüren und du diejenige bist die den verlauf kennt aber lieber über das Leben sprechen möchte, dann bist DU genau die richtige zum richtigen zeitpunkt am rechten Ort…Alles andere währe nur Medien lügen die wir von allen Castingsshows kennen. Es geht auch um dich…Wir wollen deine gefühle hören und wir müssen jede hoffnung eines Menschen mit all unserer Kraft unterstützen. Die Menschen die ihrem Schöpfer gegen über stehen, wollen dir dein junges Leben, die hoffnungen auf eine Zukunft und die lange Zeit die dir noch bleibt, nicht mit dieser endlichkeit nehmen. Es gibt garantiert andere in eurem projekt die das ganze schnell auf den Punkt bringen wollen/werden……aber das bist nicht du.Wir haben dir beigebracht Menschen wie Menschen zu behandeln und immer mit feingefühl zu agieren. Das ist es was dich ausmacht und dafür lieben wir dich. Genau das ist es was auch ein mögliches Publikum an dir schätzen wird den es gibt viele möglichkeiten mit dem Leben und dem Ende dessen, umzugehen. Ich weiß das ich bei dir im Kino warscheinlich Weinen werde weil ich spüre wie sehr dich das ganze innerlich aufwühlt und wie sehr du dich bemühst stark zu sein. Der zusammenbruch kommt immer dann wenn du mir von allem berichtetst. Du möchtest weinen aber läßt es nicht zu. Du möchtest das Sterben aufhalten aber du kannst es nicht. Du willst das deine kleine Schwester diese endlichkeit niemals erleben muss du selbst bist das blühende Leben und schämst dich dafür. Könntest du diesen Kraftlosen Menschen nur ein wenig deiner energie übermitteln die das Leben dir geschenkt hat, dann würde das projekt genau das werden wofür es ins LEBEN gerufen wurde…..Bitte mache es mit diesem projekt genauso wie du es mit allem was du angefangen hast, gebe deine Kraft und widme dich diesem wunderschönen teil deines Leben alle Zeit die du dafür brauchst. Wir stehen hinter dir und unterstützen dich in allem was du gerne tust…..dein Papa

23. Juni 2012 10:00

Liebe Denise!

Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie Du Deine Gefühle nieder schreibst. Dafür bewundere ich Dich sehr. Ich bin Stolz auf das, was Du machst, wie Du Deine Ziele im Leben angehen willst. Ich habe mir gewünscht, dies meinen Kinder mit auf dem Weg zu gehen. Es ist uns gelungen.
Vor ein paar Tagen durften Oma und ich uns das Hospiz ansehen, in dem Du Dein Praktikum machst. Schon als Opa letztes Jahr starb, brachte er uns den Tod nahe. Nur durch das, was er von seinen Erlebnissen erzählte diesbezgl. erzählte. Auch Dein Uropa, der vor einem Jahr von uns ging, fing zu reden an, obwohl er im Leben nie daran glaubte, dass es nach dem Tod was gibt. Doch dann wusste er es. Und er sagte es uns, zwei Tage, bevor er die Augen schloss.
Als Du Oma und mir das Hospiz gezeigt hattest, hatten ich das Gefühl, den Tod auf einer ganz anderen Weise zu begegnen. Er war nicht mal kalt und Angst einflößend, sondern Warm und voller Liebe. Der Tod war dort sehr Gegenwärtig und nah. Aber er war nicht mehr das unheimlich oder unbekannte. Jetzt wirkte er ehr als ein Erlöser, als vielleicht ein Kollege. Keine Ahnung, wie ich es formulieren soll.
Ich versuche stets die Tipps, die Du mir gibst, bei uns im Pflegeheim umzusetzen, was die Pflege Sterbender betrifft. Leider muss ich aber feststellen, dass in einem Alten-und Pflegeheim der Mensch nicht in Würde sterben kann. Den Alltag bestimmen Stress, Hektik und wenig Personal. Die Zeit für den einzelnen Bewohner fehlt. Mit schlechtem Gewissen entferne ich mich immer wieder aus den Zimmern STerbender, wenn sie uns wirklich brauchen. Das ist trauriger Alltag im Altenheim. Gott sei Dank gibt es den Hospizdienst, den ich mittlerweile, dank mehr Wissen durch Dich, sofort hinzu ziehe.
Wir sind Stolz auf Dich!

25. Juni 2012 10:29

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