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Dennis Wilke

Studium der Soziologie und Kulturanthropologie
23

2. Juli 2012

Ich erinnere mich.

Raum und Zeit trennen mich von meinem Gespräch mit einer schwerkranken Patientin und ihrem Ehemann am Uniklinikum am 11.Juni. Der messbare Raum zwischen Frankfurt und Düsseldorf, eine Luftlinie von ca. 183 Kilometern, und die messbare Zeit, 3 Wochen, das sind 21 Tage oder 504 Stunden. Was nicht messbar ist, ist die Bedeutung, die ich dieser Begegnung beimesse, die Präsenz, die sie sich in meinen Gedanken  bewahrt und der Platz, den sie in meinem Gedächtnis eingenommen hat. Dies ist nur fühlbar, nur zu umschreiben, dafür gibt es – zum Glück – keinen festen, in mathematischen Kategorien ausdrückbaren Wert, könnte es auch nicht, da sich dieser in stetiger Bewegung befinden, mal steigen, mal fallen würde.

Gedanklich begleitet mich unsere Begegnung jeden Tag, doch gibt es selbstverständlich auch Stunden, in denen ich gar nicht daran denke, und diese verflechten sich mit Zeiten, in denen das Wissen darum eine Art Hintergrund in meinem Alltag bildet – gleich einem Musikstück, das man abspielen lässt, während man mit anderen Dingen beschäftigt ist – sowie mit intensiven Momenten, in denen ich zurückdenke, die Begegnung gleich einem Film vor meinem inneren Auge Revue passieren lasse und deutlich spüre, was sie in mir hinterlassen hat, oder besser gesagt: was sie immer noch hinterlässt. Was bei dieser Verflechtung entsteht, ist Erinnerung.

Erinnerung ist nicht lückenloses Wissen der Vergangenheit. Erinnerung ist das gedankliche Ordnen ebendieser, Vergessen und zeitweises Nicht-Denken also unabdingbare Teile davon. Ihr Verhältnis gleicht tatsächlich dem von Leben und Tod, sie ergänzen sich, sind undenkbar ohne ihr Gegenüber. Wir brauchen das Vergessen wie den Tod. Welchen Wert hätte es, sich an jede einzelne Sekunde der Vergangenheit erinnern zu können? Auch an jene, denen wir keine große Bedeutung beigemessen haben? Was wäre „Bedeutung“ überhaupt in dieser unaufhörlich wachsenden Flut von Bildern und Gedanken? Wäre es nicht eine erdrückende Last, alles, wirklich alles in Erinnerung rufen zu können, gleich einem sich selbst in jeder Sekunde weiterschreibendem und dadurch unaufhaltsam dicker werdenden Buch, das wir mit uns herumtragen müssten?

Ich weiß nicht mehr, was in jeder einzelnen Sekunde unserer Unterhaltung passiert ist. Das braucht es nicht, denn was wirklich Wert hat, ist, sagen zu können: ich erinnere mich an meine Begegnung mit einem „sterbenden“, in ihrem Sinne lieber: schwerkranken Menschen und einem Angehörigen. Diese Erinnerung oder eher ihre einzelnen Fragmente erfahren dadurch wirkliche, dem Wort gerecht werdende Bedeutung, dass ich ihr Zeit lasse, dass ich gelegentlich in Distanz trete, dass ich auch – vergesse.

Mein Dank gilt den beiden Menschen, denen ich begegnet bin.

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