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8. Juli 2012 Stella Wagner

_der Tausendfüßler

Plötzlich fällt er mir auf, er tappt nicht oder stampft,
er springt nicht oder stolpert herum, aber er ist in Bewegung.
Das erste was mir einfällt, als ich ihn sichte, ist wirklich nur Bewegung.
Mit seinen unzähligen Füßen, die sich irgendwie alle auf einmal bewegen, wuselt er über das Kopfsteinpflaster.
Er ist in heller Aufruhr, er ertastet jedes Detail des Steines, jede Krümmung, Kante, Rundung, aber er findet keinen Ausweg.
Er ist umzingelt von lauter Schuhen.
Doch dann läuft er auf die Reihe von Schuhpaaren zu, ich hoffe nur inständig, dass jetzt keiner dieser unzähligen Füße einen großen Tapser macht und ihn dann begräbt.
Die Füße stehen still, aber der Tausendfüßler hört nicht auf lebendig zu sein, sich einen Ausweg zu suchen.
Während dessen entdeckt er jetzt vor sich, anscheinend in Sichtweite, einen Schuh, welcher ihm bestimmt riesig erscheint, zumindest dreht er um und geht wieder zurück, dann versucht er es auf eine andere Weise, aber wieder ein Schuh und wieder dreht er um.
Die Bewegung bleibt, kein Verharren, aber ein Hindernis, lauter Hindernisse um ihn herum, die ihn einkreisen, die er nicht überwinden kann.

Er bewegt sich weiter, mitten in dem Schuhkreis, bis jetzt hat ihn noch kein Schuh zertrampelt, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es gleich passiert, ist ziemlich wahrscheinlich, denn kein Besitzer der Schuhe hat ihn bemerkt.
Ob er sich darüber bewusst ist, wie nahe er dem Tod ist und warum ist er trotzdem so lebendig? wie lange er wohl schon lebt? ein Tag? eine Woche? wie lange wird er noch leben? keine Ahnung….

Er wird das große Hindernis überwinden müssen, aber was wird bei dem überschreiten dieser Schwelle passieren?

wird es_schmerzhaft?_beängstigend?_erfüllend?

 

 

_Warum erzähle ich dir von einem Tausendfüßler?

_Was hat dies mit der Sache zu tun?

Es ist an einem Tag, des Workshopwochenendes, wir stehen alle um das Krankenbett einer schwerkranken Frau, die dem Tod sehr nahe ist.
Wir versammeln uns alle um sie, wir nehmen uns an den Händen und schließen einen Kreis um sie.
Wir schweigen und begleiten sie für einen Moment.
Und in dieser Schweigeminute, fällt mir der Tausendfüßler auf, in dem Moment wo sich scheinbar alle Bewegung entschleunigt, ist er voller Lebendigkeit, sucht nach einem Ausweg, aus unserem Kreis heraus, aber unsere Füße bewegen sich nicht, da jeder andächtig still steht.
Aber weshalb höre ich nicht einfach auf den Tausendfüßler zu beobachten, warum besinne ich mich nicht nur auf meine Gedanken?
Ich denke er trägt eine Botschaft mit sich…
Welche Botschaft ist das wohl? Ich denke jeder, der ihn in diesem Moment betrachtet, findet eine ganz eigene Botschaft.

 

 

_eine Botschaft

Ich denke, der Tausendfüßler trägt eine Botschaft mit sich, in seiner unerschöpften Bewegung und kämpferischen Lebendigkeit.
Sein ständiges Scheitern zeigt uns wie wenig Macht wir haben, wie wenig gegenüber unserem Leben, unserem Tod.
Es wird immer ein Hindernis hier auf Erden geben, welches uns zurück weist, uns scheitern lässt.
Aber trotzdem hören wir nicht auf zu versuchen alle Hindernisse zu überwinden, wir werden immer wieder kämpfen und dadurch Neue Wege schaffen.

Es ist vielleicht eine Botschaft, dass wir nicht das Leben beherrschen, aber für das Leben kämpfen dürfen, dass wir unfassbar lebendig sind, immer wieder Hindernisse überwinden müssen, um einen Ausweg in die Freiheit zu finden und immer an eine Schwelle kommen werden, wo wir keine Macht über das Leben im Hier und Jetzt besitzen.

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7. Juli 2012 Nora Maria Puls

Freiheits-Beginn — Wüt-End

Letzter Schultag
Zeugnis
Charakterisierter Start in die Freiheit.
Feierei, Treffen mit Freunden – oder auch nicht.

Besuch
Besuch eines Daseins, welches nicht mehr lange da sein wird
Besuch meiner Gesprächspartnerin, erneut

 Keine Sprache
Aber Kommunikation
Gefühle: Freude, Trauer, Hilflosigkeit, Wut

 Rennen mitten in der Nacht
Warum?! War ich wütend?! Ja ?! Wütend darauf, dass es den Tod gibt – auch wenn mir klar ist, dass ein Leben ohne diesen nicht möglich wäre. Nein?! Vielleicht?!
Warum?! Spüren! Ja?! Mich spüren. Spüren, dass ich am Leben bin. Nein?! Vielleicht?!
Woher die Energie?! Keine Energiereserve, Energieaufbau! Ja?! Nein?! Vielleicht?!

Wassertropfen aus Regenrinne
Auf meinen Kopf, in mein Gesicht, in mein Auge – Schmerz
Kein Wassertropfen mehr – Abschied
Mitnahme: Mein Kopf war nass

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4. Juli 2012 Julia Altreuther

Zeit

„Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.“
-Lucius Annaeus Seneca

Nun ist es schon einige Wochen her, dass ich den Workshop besuchen durfte. Es war ein besonderes Wochenende, welches mich tief beeindruckt hat. Den Teilnehmern mit ihren ganz individuellen Lebensgeschichten, dem Team, welches uns toll vorbereitet und begleitet hat und den Ehrenamtlichen, die uns liebevoll mit Essen umsorgt haben, gilt mein besonderer Dank. Es war schön in eurer Mitte zu sein.
Ja, es ist schon einige Zeit her, aber ich denke oft und gerne daran.
Die Zeit, meine persönliche Zeit, war in den letzten Wochen sehr knapp. Zu sehr war ich mit Schule, Prüfungen und Krankheit beschäftigt.
Wo blieb die Zeit? Wo ist „meine“ Zeit?
Wie viel Zeit nehme ich mir für mich, meine Familie, meine Freunde?
Oft ist man fremdbestimmt. Aber ist dies auch vergeudete Zeit?
Ich denke nicht, aber sie hat eine andere Wertigkeit.
Jetzt beginnen die Ferien und ich habe wieder mehr Zeit. Zeit schöne Dinge zu tun und etwas mit meiner Familie und Freunden zu erleben. Ich merke, dass Zeit ein Geschenk ist.
Am Freitag werde ich Zeit mit einem sterbenden Menschen verbringen und mich mit ihm unterhalten. Ich bin aufgeregt und gespannt auf die Zeit, die wir gemeinsam verbringen werden.

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 ”Du hast mir schon Fragen gestellt, 
über Gott und über die Welt
und meist konnt ich dir Antwort geben.
Doch jetzt bringst du mich aus dem Lot
mit deiner Frage nach dem Tod…”
Reinhard Mey

 Du kannst dich in deine eigene Einstellung hinein fressen.
Du kannst dich in Sicherheit wiegen und glauben in deiner Mitte zu stehen.
Du kannst annehmen, vom Ungewissen nicht völlig überrascht zu werden.
Du kannst denken, du bist immer bereit.

Und dann?

Dann kommen Sätze aus dem Kindermund, die dich berühren. Die deine eigenen Fragen noch mal selbst aufwerfen, die dich vor Antworten stellen, die dir selbst nicht genügen, ja…die dich einfach sprachlos machen.

Es ist 21 Uhr. Seit einer halben Stunde übe ich mich in Geduld, während ich am Bett meiner Schwester wache und darauf warte, dass sie in einen ruhigen Schlaf verfällt. “Lass mich nicht allein”, lautet der Auftrag, den ich zu erfüllen gedenke. Ihre Unruhe fällt mir zwar auf, doch ahne ich nicht, dass sie aus dem kleinen Kopf kommt, in dem Gedanken wirbeln, an die ich gerade nun mal nicht denke. Nicht, wenn ich mit diesem kleinen erfüllten Wesen zusammen bin.

Dann bricht sie das Schweigen, ihre Gedanken sprudeln hervor.

“Müssen Kinder auch sterben?”

Ich bin überrascht. Schweige erst, sage dann: “Wie kommst du drauf?”

- “Naja, weil der Opa auch schon im Himmel ist… und ich will noch nicht.”

“Wenn du zumindest immer schön auf dich auf passt, dann musst du auch noch nicht.” …zumindest glaube ich das. Was sagt man auf sowas?

- “Und wenn die Oma stirbt…können wir dann für sie beten?”

“Ja, das kannst du. Und sie sieht im Himmel dann den Opa wieder. Und wir sehen irgendwann auch alle wieder, wenn wir in den Himmel kommen!”

- “Können wir nicht schon mal rauf klettern und kurz gucken?”

“Du meinst heimlich rein schauen? Ich glaube nicht, dass das schon geht!”

- “Hm…und wie sieht Gott aus?”

“Wie stellst du ihn dir denn vor?”

- “Hm…”

“Manche sagen, er hat einen Bart und sieht aus wie ein alter Mann in einem weißen Kleid!”

- “Ja? Na…ich glaub, da frag ich lieber mal die Mama!”

Sie lächelt, ich schließlich auch. Dann ein müdes: “Ich hab dich lieb!”, sie dreht sich um und schläft ein. Taucht ab in ihre eigene kleine Traumwelt, in der wir kurz in den Himmel steigen und den Opa besuchen können.

 

“Halb 11 und du kannst wieder mal nicht schlafen!
Zu groß sind die Gedanken für deinen kleinen Kopf.
Verirren sich, wie Schiffe ohne Hafen
im Ozean der Stille, wo nur dein Herz noch klopft.

 

Du weißt, dass der Mond am Himmel steht
die Erde sich um die Sonne dreht.
Und allen Sternen,
wurde ihre Bahn gegeben.
Wer immer sich all das ausgedacht,
er wird es behüten Tag und Nacht.
Und auch sein größtes Wunderwerk…
Dein kleines Leben
Rolf Zuckowski

 

 

wurde ihre Bahn gegeben.

p

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3. Juli 2012 Sebastian Pohl

Empfehlung

Ich kann euch nur den Film “50/50 – Beste Freunde fürs (Über-)Leben” empfehlen.
Er enthält viele Emotionale Szenen und befasst sich stark mit dem Tod und vorallem mit der Situation des Betroffenen. Damit das ganze nicht zu schwermütig wird ist das ganze auch mit einer Priese Komik gemischt. Das ganze auf einem hohen Niveau ganz nach dem Motte im einen Moment feuchte Augen vor Gerührtheit im nächsten Moment wider Freudentränen.

Ich kann den Film echt nur empfehlen.
Zu finden im Kino und auf einschlägig bekannten Internetseiten.

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