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2. Juli 2012 Dennis Wilke

Ich erinnere mich.

Raum und Zeit trennen mich von meinem Gespräch mit einer schwerkranken Patientin und ihrem Ehemann am Uniklinikum am 11.Juni. Der messbare Raum zwischen Frankfurt und Düsseldorf, eine Luftlinie von ca. 183 Kilometern, und die messbare Zeit, 3 Wochen, das sind 21 Tage oder 504 Stunden. Was nicht messbar ist, ist die Bedeutung, die ich dieser Begegnung beimesse, die Präsenz, die sie sich in meinen Gedanken  bewahrt und der Platz, den sie in meinem Gedächtnis eingenommen hat. Dies ist nur fühlbar, nur zu umschreiben, dafür gibt es – zum Glück – keinen festen, in mathematischen Kategorien ausdrückbaren Wert, könnte es auch nicht, da sich dieser in stetiger Bewegung befinden, mal steigen, mal fallen würde.

Gedanklich begleitet mich unsere Begegnung jeden Tag, doch gibt es selbstverständlich auch Stunden, in denen ich gar nicht daran denke, und diese verflechten sich mit Zeiten, in denen das Wissen darum eine Art Hintergrund in meinem Alltag bildet – gleich einem Musikstück, das man abspielen lässt, während man mit anderen Dingen beschäftigt ist – sowie mit intensiven Momenten, in denen ich zurückdenke, die Begegnung gleich einem Film vor meinem inneren Auge Revue passieren lasse und deutlich spüre, was sie in mir hinterlassen hat, oder besser gesagt: was sie immer noch hinterlässt. Was bei dieser Verflechtung entsteht, ist Erinnerung.

Erinnerung ist nicht lückenloses Wissen der Vergangenheit. Erinnerung ist das gedankliche Ordnen ebendieser, Vergessen und zeitweises Nicht-Denken also unabdingbare Teile davon. Ihr Verhältnis gleicht tatsächlich dem von Leben und Tod, sie ergänzen sich, sind undenkbar ohne ihr Gegenüber. Wir brauchen das Vergessen wie den Tod. Welchen Wert hätte es, sich an jede einzelne Sekunde der Vergangenheit erinnern zu können? Auch an jene, denen wir keine große Bedeutung beigemessen haben? Was wäre „Bedeutung“ überhaupt in dieser unaufhörlich wachsenden Flut von Bildern und Gedanken? Wäre es nicht eine erdrückende Last, alles, wirklich alles in Erinnerung rufen zu können, gleich einem sich selbst in jeder Sekunde weiterschreibendem und dadurch unaufhaltsam dicker werdenden Buch, das wir mit uns herumtragen müssten?

Ich weiß nicht mehr, was in jeder einzelnen Sekunde unserer Unterhaltung passiert ist. Das braucht es nicht, denn was wirklich Wert hat, ist, sagen zu können: ich erinnere mich an meine Begegnung mit einem „sterbenden“, in ihrem Sinne lieber: schwerkranken Menschen und einem Angehörigen. Diese Erinnerung oder eher ihre einzelnen Fragmente erfahren dadurch wirkliche, dem Wort gerecht werdende Bedeutung, dass ich ihr Zeit lasse, dass ich gelegentlich in Distanz trete, dass ich auch – vergesse.

Mein Dank gilt den beiden Menschen, denen ich begegnet bin.

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29. Juni 2012 Lukas Stolz

Interview mit einer Sterbenden

Soeben habe ich auf youtube ein Interview entdeckt welches ab 1991 mit einer an Leukämie erkrankten Frau geführt wurde. In sechs Videos berichtet sie in einer beeindruckend offenen und schönen Weise von Sich und ihrer Situation:

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28. Juni 2012 Jonas Roos

Reflektion

Drei Wochen ist der Workshop nun her und zwei Wochen mein Gespräch. Es war eine Zeit in der ich viel über das Gespräch nachdenken konnte. Eindrücke, die mir der Mann gab und vor allem immer wieder der Gedanke, wie vergänglich doch alles ist.

Es sind gerade die kleinen Momente im Alltag, die einen zum Nachdenken anregen. Momente in denen man einfach nur da liegt und nichts macht.

Soll man sich nicht doch lieber wieder aufrappeln und los legen? Verschwende ich gerade meine Zeit? Was würde wohl passieren wenn ich jetzt wieder losgehe? Wie könnte sich mein Leben verändern?

Viele dieser Fragen sind mir in den letzten Wochen in den Kopf geschossen.

Er gab mir den Tipp immer rechtzeitig zum Arzt zu gehen und immer auf mich aufzupassen.

Aber soll ich wirklich immer nur auf mich aufpassen? Verschwende ich dann nicht meine Zeit? Nur was wäre wenn mir jetzt etwas passiert, weil ich ausgegangen bin?

Für mich liegt die Wahrheit dazwischen! Man sollte sich immer seiner Sterblichkeit bewusst sein und auch der seiner Freunde und Familie. Jedoch sollte dieser Gedanke einen nicht ängstigen. Ist es nicht vielmehr so, dass dieser Gedanke einen die schönen Momente noch intensiver erleben lässt?

Zu wissen dass das Leben nicht für immer ist, hat bei mir bewirkt das ich mir weniger Sorgen um meine Zukunft mache. Was bringt es jetzt schon zu planen was man in zwanzig Jahren macht und dann letztendlich alles anders kommt?

Es ist nicht so, dass ich jetzt nur noch für den Moment lebe und gar nicht an die Zukunft denke. Ich versuche jedoch einzelne Momente intensiver aufzufangen und den Moment mehr zu genießen, denn letztendlich lebt man nur in dem Moment in dem man sich gerade befindet.

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28. Juni 2012 Stine

Zwei Wochen sind vergangen!

Mittlerweile ist seit meinem Gespräch eine Zeit von genau zwei Wochen vergangen und ich frage mich gerade jetzt, was wird die wunderbare Person, die ich kennenlernen durfte, wohl jetzt gerade machen?

Wird Sie sich am Wochenende wieder mit ihren Freundinnen zum Kartenspielen treffen oder kommen Sie ihre Kinder und Enkelkinder besuchen?

Was mich aber meisten interessiert, ist die Frage, wie geht es ihr? Sind ihr Gesundheitszustand und ihr Wohlbefinden ähnlich dem von vor zwei Wochen?

Es ist für mich unfassbar, noch nie habe ich einen Menschen kennengelernt, der mich innerhalb von einer Stunde Kommunikation in einer solchen Weise geprägt hat. Ich frage mich auch heute noch, was hat sie mir gegeben, dass es ein Teil von mir geworden ist?

Die Suche nach einer Antwort hat vor zwei Wochen begonnen….

Ihre Worte, die sie mir nahe brachte und vor allem ihre Lebensfreude, sind Teil von meinem Leben geworden und schwirren mir in Momenten der Ruhe immer und immer wieder durch den Kopf. Ich erinnere mich noch sehr gut an unser Aufeinandertreffen. Bevor ich ihr Zimmer in dem Hospiz betrat, habe ich sie kurz durch einen Türspalt sehen können. Sie war trotz ihres Alters von 75 Jahren schön und sie sah so erholt aus. Ihre positive und lebensfrohe Ausstrahlung war für mich unübersehbar. Als ich den Raum betrat, haben wir uns schüchtern aber doch herzlich angelächelt und ich wusste, die nächsten Minuten, Stunden werden eine Erfahrung sein, die mein Leben prägen wird.

Trotz ihrer Krankheit haben wir viel gelacht, mit Wasser angestoßen, aber auch ab und an einmal geschwiegen und sogar geweint. Obwohl wir viel über das Lebensende und die damit verbunden Ängste gesprochen haben, habe ich das Gefühl gehabt, dass diese Frau auf ein glückliches und erfülltes Leben zurückblickt. Wenn ich über das Gespräch nachdenke, spüre ich, wie die positive Energie immer noch durch meinen Körper fließt.

Die Frage, die ich mir heute stelle ist, hat sich meine Angst vor dem Tod aufgrund des Gesprächs mit der Frau verändert?

Ganz klar kann ich sagen, dass meine Angst nicht geringer oder stärker geworden ist. Der Tod ist und bleibt das einzige Element im Leben der Menschen, das nicht durch den Menschen beherrschbar ist. So hart wie es klingt, der Tod ist ein Teil eines jeden Lebens, er ist die Realität in der unser aller Leben enden wird. Ich, niemand, weiß, was uns erwartet.

Jedoch ist ein anderer für mich sehr bedeutender Schritt geschehen, meine Einstellung zu dem Tod hat sich verändert. In mir hat sich das Bewusstsein darüber verstärkt, dass die Endlichkeit ein Teil meines Daseins ist, mit der ich mich bis dato nicht aktiv auseinandergesetzt habe.

Noch wichtiger und bedeutender ist für mich die Frage, was bedeutet diese Erkenntnis für mich und mein Leben?

Wenn ich mir diese Frage stelle, muss ich immer an die Antwort meiner Gesprächspartnerin auf die Frage „Was haben Sie in Ihrem Leben geändert, als Sie von der Diagnose erfahren haben?“ denken. Sie sagte „Nichts, außer dass ich in manchen Situationen ein wenig egoistischer geworden bin.“. Ich musste bei ihrer Aussage schmunzeln, wusste aber gleichzeitig und weiß auch heute noch, dass keine andere Aussage eine größere persönlichere Lebenszufriedenheit und Glück hätte widerspiegeln können.

Wie hat Hermann Hesse so schön gesagt:

Das Glück ist ein wie, keine was,

ein Talent, kein Objekt.

Obwohl Sie dieses Zitat von Herman Hesse wohl nicht kannte, hat sie, aus ihren Erzählungen schlussfolgernd, ihr Leben genauso gelebt. Sie hat ihre Zeit mit den Menschen verbracht, die sie liebt, hat ihr Leben so gestaltet, wie sie es sich wünscht und hat für sich selber vollkommene Zufriedenheit und Glück erfahren. Dieser Gedankengang und dieses Lebensverständnis einer mir bis vor zwei Wochen unbekannten Frau ist das, was ich in meinem Leben immer in mir tragen und niemals vergessen werde.

Auf der Suche nach einer Antwort, was das Schlüsselelement des Gesprächs darstellt, das mich gedanklich heute immer noch fesselt, bin ich nun einen Schritt weiter gekommen.

Ich denke, dass wir uns alle darüber bewusst sein sollten, dass wir nur einmal leben und wir auch nur einmal die Chance haben, unser Leben an unseren eigenen Bedürfnissen und Wünschen auszurichten. Die vergangene Zeit zurückzuholen, das ist nicht möglich. Nichts desto trotz weiß jeder von uns, dass im Leben nicht alles, wie geplant verläuft. Vor dem Hintergrund, dass unser Leben zeitlich begrenzt ist, gewinnt meine bisherige Lebensphilosophie für mich an noch mehr Bedeutung.

Die wahre Lebenskunst besteht darin,

im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen.

(Pearl S. Buck)

1 Kommentar

Du sitzt noch da - die Anderen gehen - der Abspann läuft, alle haben’s mit angesehn - und DU mittendrin.

Wie ein Mensch lebt, so stirbt er auch. Lebt er klein, stirbt er klein, mit großen Phantasien, ganz gleich ob positiv, ob negativ.

Lebt er groß, stirbt er groß, zufrieden, erwartungslos, selbstlos, mit sich und der Welt, die er gesehen hat, im Reinen. Der Abspann läuft, doch DU mittendrin.

Wie mit der Situation umgehen? Groß lebt groß und stirbt groß. Ist es wirklich so ‘einfach’? Auf einer Weise wirklich bewundernswert, doch ehrlich?- Anfangs, verwirrt, verunsichert, dachte ich: ‘Nein, unehrlich!’ Aber es geht um Begegnung. Selbst wenn es nicht meine oder unsere Ehrlichkeit bzw Realität ist, ist es menschlich zu verstehen, nachvollziehbar, ehrlich. Jeder erfährt in bestimmten Phasen seines Lebens seine ganz eigene Authentizität und die ist von jedem Mensch, für jeden Mensch zu respektieren. Das ist Begegnung. – Abspann

- The END -

 

….für den Einen to be continued, für den Anderen nicht.

 

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